Archiv für Februar, 2012

Joachim Gauck: Internet und Bürgerrechtler?

Veröffentlicht: 29. Februar 2012 in Nein Danke
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In den letzten beiden Tagen haben wurden einige lesenswerte Artikel zu Gauck veröffentlicht, zudem noch die aktuellen Meldungen zu „Joachim Gauck sieht Internet als Bedrohung der Meinungs- und Pressefreiheit“ http://j.mp/xj5D6a und daß Gauck angeblich glaube, daß das Internet die Verfassung aushöhle http://j.mp/xkfOqS – die Updates folgen später, wir bitten um etwas Geduld 😉

In einem Gastbeitrag in der SZ vom 27.01.2012 schreibt der 82-jährige Bürgerrechtler und Pfarrer Hans-Jochen Tschiche über die DDR-Vergangenheit von Joachim Gauck, „Joachim, der Lokomotivführer?„, und zeigt anhand seiner Aktivität als DDR-Bürgerrechtler der ersten Stunde, daß Gauck zwar ein integrer Pfarrer gewesen sein möge, aber eben kein führender DDR-Oppositioneller oder mutiger Bügerrechtler der ersten Stunde war. Erst spät, sehr spät sei er auf den dann schon gefahrlos fahrenden Zug aufgesprungen

„Die Gruppen entwickelten das Netzwerk „Frieden konkret“, dessen Vertreter sich einmal im Jahr trafen. Aus dieser Bewegung kamen die Leute, die man heute die Bürgerrechtler nennt. Sie forderten die Demokratisierung des sozialistischen Staates. Ich war von Anfang an dabei. Von Gauck habe ich in dieser Zeit nie etwas gehört.
[…]
In der zweiten Hälfte des Jahres 1989 erfasste die DDR eine Gründungswelle von oppositionellen Gruppen. Am bekanntesten wurde das Neue Forum. Joachim Gauck gehört nicht zu den Vätern dieser Gründung. Er sprang erst später auf den fahrenden Zug auf.
[…]
Er sei ein linker, liberaler Konservativer, meinte er, was immer das sein mag. Er gehört zu jenem Teil der westlichen Gesellschaft, der den Markt entfesselt hat und ganze Länder in die Pleite führte.
[…]
Wir brauchen als erste Frau oder als ersten Mann im Staate aber einen Menschen, der vordenkt, der die Wirklichkeit wahrnimmt, die Bedrohungen benennt und nach Alternativen fragt. Das Motto „Ich bin da angekommen, wo ich schon immer sein wollte, und es soll grundsätzlich alles so bleiben“ ist zu wenig für das Amt des Bundespräsidenten.
[…]
Was mich in Rage gebracht hat, war eine Preisverleihung in München. Gauck wurde mit den Geschwistern Scholl verglichen. Er hat das nicht zurückgewiesen und ist nicht schamrot geworden. Wer sich so hofieren lässt, droht der Gefangene seiner Eitelkeit zu werden.

siehe auch: Bürgerrechtler Tschiche kritisiert die Nominierung von Joachim Gauck

In seinem Kommentar Pathos statt Analyse in der taz vom 24.02.2012 beschreibt Micha Brumlik, wie sich Joachim Gauck zwar immer wieder auf Hannah Arendt bezieht, aber ihre wesentlichen Differenzierungen nicht teilt:

„Sowenig die Bundesrepublik ein faschistischer, so wenig war die DDR nach 1953, auf jeden Fall nach 1961, ein stalinistischer Staat. Gerade einer künftigen europäischen Gedenkkultur wegen ist es höchste Zeit, dass an die Stelle jedweden Pathos nüchterne Analyse tritt. Das lehrt Hannah Arendt.“

Kurz zusammengefaßt skizziert Martin Krauss auf juedische-allgemeine.de am 23.02.2012 stichwortartig die Kritk an der „Symbolfigur“ Joachim Gauck (der gern andere „anleite“), von Gewerkschaften, der Linkspartei, Migrantenverbänden, vereinzelt aus Reihen der Grünen, die ihn nominiert haben, und aus dem Osten der Republik. Kurz erwähnt wird auch das Lob aus der rechten Ecke, z.B. wegen Gaucks Äußerung zur Oder-Neiße-Grenze:

„Joachim Gauck sieht sich gerne als Lehrer. Die Vorstellung, er leite andere Menschen an, findet sich oft, wenn es um den künftigen Bundespräsidenten geht. »Reisender Politiklehrer« hat Gauck sich jüngst selbst genannt,…
[…]
Ein Linker ist Gauck nicht, und die FAZ notiert, Grüne und SPD »werden noch zu spüren bekommen, dass Gaucks urbi et orbi vorgetragener Lobgesang auf die Freiheit eben keine Ode an die Gleichheit ist«.
[…]
So erfährt Gauck nun ein Lob durch rechte Kreise. Die »Junge Freiheit« etwa freut sich: »Wir werden mit ihm positive Überraschungen erleben.«“

Eine polemische Replik von Robert von Seeve auf die Demagogie und Diffamierung einer fast Allparteienkoalition und der Mainstream-Medien an Internet-Kritiker_innen, die es wagen, sich gegen Joachim Gauck als Bundespräsidenten zu stellen, unter dem Titel „Lengsfeld und die demagogischen Versatzstücke“ auf Publikative.org vom 25.02.2012:

„In der Gauck-Gemeinde scheinen alle Alarmglocken zu läuten. Eine merkwürdige Allianz aus evangelischer Kirche, Achse des Guten, Grünen und Junge Freiheit unter der Führung von Vera Lengsfeld und Jürgen Trittin, attackierte Kritiker mit entschlossener Demagogie (1). Kritik an dem ostdeutschen Ex-Pfarrer wird – vollkommen ohne ideologische Scheuklappen – als fast Stasi-ähnliche Machenschaft enttarnt: …“

Nachtrag: Der Begriff der Gemeinde ist natürlich trefflich gewählt, auch in seiner Metaebene!

Im Westen der Republik scheint die Mehrheit für Joachim Gauck als Bundespräsident recht eindeutig zu sein, im Osten stößt er dagegen auf wesentlich mehr Ablehnung, was wohl auch daran liegt, daß ihm hier vorgehalten wird, sich zum Bürgerrechtler zu stilisieren, obwohl er offenbar kein führender DDR-Oppositioneller oder gar Bürgerrechtler war.

Joachim Gauck soll nun auch Ehrenbürger von Rostock werden, doch laut Berliner Morgenpost lehnt die Mehrheit der Bürger das ab, die BM schreibt am 26.02.2012 unter dem Titel: „Widerstand in Joachim Gaucks Heimat Rostock„:

„Der künftige Bundespräsident Joachim Gauck soll Ehrenbürger von Rostock werden. Die Mehrheit der Bürger lehnt das ab:
[…]
Man könne den Eindruck gewinnen, er habe zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung in der DDR gehört, zitiert die Zeitung den Rostocker Dietmar Schmidt. „Herr Gauck hat es nur exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen.““

Unter dem Titel „Der wissentlich falsch etikettierte Gauck“ kommentiert politblogger.eu am 25.02.2012 die Etikettierung von Joachim Gauck als „Freiheitskämpfer“ (Stern) oder gar „Freiheitsapostel“ (Süddeutsche Zeitung“) und zitiert dazu auch Gerhard Rein, der im WDR-Hörfunkmagazin Politikum am 21. Februar zur Rolle von Gauck in der DDR-Bürgerrechtsbewegung Stellung genommen hat:

„Freiheitskämpfer … Freiheitsapostel. Das sind nur zwei der vielen Nebentitel, die sich Joachim Gauck in diesen Tagen bereitwillig verleihen lässt. Doch womit hat der Bundespräsident in spe das eigentlich verdient? Hat er es überhaupt verdient?
Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein. In DDR tauchte er in der Bürgerrechtsszene erst auf, als der Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur bereits unmittelbar bevor stand: im Oktober 1989.
[…]
‚Zur DDR-Opposition hat Gauck niemals gehört. Er trat auch nicht in den systemkritischen Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen je in Erscheinung. In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden, taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf.
Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem ‘Neuen Forum’ angeschlossen. Vorher ist ein politischen Engagement gegen den repressiven Staat nicht auszumachen.‘
[Gerhard Rein]“

siehe auch: Joachim Gauck: Ein Bürgerrechtler oder gar Widerstandskämpfer?

Bezugnehmend auf den Gauck-Jubel rechtsaußen, „Wir sind Präsident!“ von der „Jungen Freiheit“ (JF), und dem Ereifern seitens Jürgen Trittins bei Maybritt Illner über einen aus dem Kontext gerisenen Satz in einem Kommentar von Deniz Yücel in der TAZ, der im diffamierenden Vorwurf des „Schweinejournalismus“ gipfelte, schreibt Andrej Reisin am 24.02.2012 unter dem Titel „Noch mehr “Schweinejournalismus!”“ auf Publikative.org:

„Die Kritik an Gauck ist weder neu, noch kommt sie einzig aus dem scheinbar ominösen Internet – wie linksliberale Politiker von Rot bis Grün und gönnerhafte Zeitungskommentare von „Frankfurter Rundschau“ bis „Süddeutscher Zeitung“ derzeit gerne glauben machen wollen. Die Wahrheit ist: Die Kollegen und ihr politisches Spektrum sind verärgert, weil sie in ihrer Begeisterung für den Kandidaten Gauck dessen für ihre eigene Klientel teilweise hochgradig problematischen Positionierungen schlichtweg übersehen, verdrängt, vergessen haben.
Mit Schaum vor dem Mund wird daher nun zurückgebellt gegen die vermeintlichen Online-Dilettanten, die nicht richtig zitieren können und alles aus dem Kontext reißen, weil ihr Gehirn nur noch in Twitter-Textlängen denke.
[…]
Mit Gauck wird der politische Diskurs exakt im Sinne der Neuen Rechten verändert – ein fatales Signal für den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt in diesem Land. Tut, was Ihr nicht lassen könnt – aber rechnet nicht mit unserer Unterstützung!“

Und für den Kontext sei auch der Ausschnitt aus Maybrit Illner mit dem verbalen Ausfall von Jürgen Trittin hier verlinkt:

Videolink YouTube von maybritillner am 23.02.2012

Deniz Yücel beschreibt in der taz vom 22.02.2012 über die Debatte um Gauck-Zitate
unter dem Titel „Gauck und der Holocaust„, daß sich der vielgepriesene Kontext eben nicht nur auf die Sätze vor und nach einem Zitat bezieht, sondern

„Wer sagt was in welcher Form an welcher Stelle zu welchem Zweck zu welchen Leuten, die ihn wie verstehen können oder sollen? „

Nach einem ausführlichen Zitat von Jaochim Gauck zur angeblich quasireligiösen Überhöhung des Holocausts, problematisiert und kontextualisiert Yücel die Aussagen Gaucks:

„Aber indem er von einer „Überhöhung“ des Holocausts zu einem quasireligiösen Akt spricht, spricht er der Shoah die Singularität als ebenso wahnhaften wie systematischen Massenmord an Millionen Juden ab. Einfach ausgedrückt lautet sein Gedankengang: Ja, es gab den Holocaust, wir wollen ihn nicht vergessen, aber bitteschön nicht übertreiben und die Kirche im mecklenburgischen Dorf lassen.
[…]
All das macht Gauck noch nicht zum Antisemiten, und gewiss wird er keiner sein wollen. In der Sache aber betreibt er eine Verharmlosung des Holocausts.“

Jens Berger titelt in seinem Wochenrückblick vom 24.12.2012 auf den NachDenkSeiten „Kampf um die Deutungshoheit der Gauck-Zitate“ und zeigt in seinem Artikel detailliert und kontextbezogen, daß die umstrittenen, angeblich verfälschend aus dem Kontext gerissenen Zitate auch im sogenannten Kontetxt zu kritisieren sind:

„Nachdem Patrick Breitenbach am Montag die Metaebene betrat und sich eifrig ins Zeug legte, Gaucks Zitate in den rechten Kontext zu rücken, griff auch SPIEGEL-Online-Kolumnist Sascha Lobo die Kritik an der Kritik Gaucks am Dienstag auf. Die beiden Artikel hinterließen zwar einen virtuellen Scherbenhaufen, schrammten jedoch mit Bravour am vorgegebenen Ziel vorbei. Die umstrittenen Zitate des designierten Bundespräsidenten sind auch im jeweiligen Kontext zu kritisieren.“