Mit ‘bürgerrechtler’ getaggte Beiträge

In einem Gastbeitrag in der SZ vom 27.01.2012 schreibt der 82-jährige Bürgerrechtler und Pfarrer Hans-Jochen Tschiche über die DDR-Vergangenheit von Joachim Gauck, „Joachim, der Lokomotivführer?„, und zeigt anhand seiner Aktivität als DDR-Bürgerrechtler der ersten Stunde, daß Gauck zwar ein integrer Pfarrer gewesen sein möge, aber eben kein führender DDR-Oppositioneller oder mutiger Bügerrechtler der ersten Stunde war. Erst spät, sehr spät sei er auf den dann schon gefahrlos fahrenden Zug aufgesprungen

„Die Gruppen entwickelten das Netzwerk „Frieden konkret“, dessen Vertreter sich einmal im Jahr trafen. Aus dieser Bewegung kamen die Leute, die man heute die Bürgerrechtler nennt. Sie forderten die Demokratisierung des sozialistischen Staates. Ich war von Anfang an dabei. Von Gauck habe ich in dieser Zeit nie etwas gehört.
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In der zweiten Hälfte des Jahres 1989 erfasste die DDR eine Gründungswelle von oppositionellen Gruppen. Am bekanntesten wurde das Neue Forum. Joachim Gauck gehört nicht zu den Vätern dieser Gründung. Er sprang erst später auf den fahrenden Zug auf.
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Er sei ein linker, liberaler Konservativer, meinte er, was immer das sein mag. Er gehört zu jenem Teil der westlichen Gesellschaft, der den Markt entfesselt hat und ganze Länder in die Pleite führte.
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Wir brauchen als erste Frau oder als ersten Mann im Staate aber einen Menschen, der vordenkt, der die Wirklichkeit wahrnimmt, die Bedrohungen benennt und nach Alternativen fragt. Das Motto „Ich bin da angekommen, wo ich schon immer sein wollte, und es soll grundsätzlich alles so bleiben“ ist zu wenig für das Amt des Bundespräsidenten.
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Was mich in Rage gebracht hat, war eine Preisverleihung in München. Gauck wurde mit den Geschwistern Scholl verglichen. Er hat das nicht zurückgewiesen und ist nicht schamrot geworden. Wer sich so hofieren lässt, droht der Gefangene seiner Eitelkeit zu werden.

siehe auch: Bürgerrechtler Tschiche kritisiert die Nominierung von Joachim Gauck

Im Westen der Republik scheint die Mehrheit für Joachim Gauck als Bundespräsident recht eindeutig zu sein, im Osten stößt er dagegen auf wesentlich mehr Ablehnung, was wohl auch daran liegt, daß ihm hier vorgehalten wird, sich zum Bürgerrechtler zu stilisieren, obwohl er offenbar kein führender DDR-Oppositioneller oder gar Bürgerrechtler war.

Joachim Gauck soll nun auch Ehrenbürger von Rostock werden, doch laut Berliner Morgenpost lehnt die Mehrheit der Bürger das ab, die BM schreibt am 26.02.2012 unter dem Titel: „Widerstand in Joachim Gaucks Heimat Rostock„:

„Der künftige Bundespräsident Joachim Gauck soll Ehrenbürger von Rostock werden. Die Mehrheit der Bürger lehnt das ab:
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Man könne den Eindruck gewinnen, er habe zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung in der DDR gehört, zitiert die Zeitung den Rostocker Dietmar Schmidt. „Herr Gauck hat es nur exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen.““

Unter dem Titel „Der wissentlich falsch etikettierte Gauck“ kommentiert politblogger.eu am 25.02.2012 die Etikettierung von Joachim Gauck als „Freiheitskämpfer“ (Stern) oder gar „Freiheitsapostel“ (Süddeutsche Zeitung“) und zitiert dazu auch Gerhard Rein, der im WDR-Hörfunkmagazin Politikum am 21. Februar zur Rolle von Gauck in der DDR-Bürgerrechtsbewegung Stellung genommen hat:

„Freiheitskämpfer … Freiheitsapostel. Das sind nur zwei der vielen Nebentitel, die sich Joachim Gauck in diesen Tagen bereitwillig verleihen lässt. Doch womit hat der Bundespräsident in spe das eigentlich verdient? Hat er es überhaupt verdient?
Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein. In DDR tauchte er in der Bürgerrechtsszene erst auf, als der Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur bereits unmittelbar bevor stand: im Oktober 1989.
[…]
‚Zur DDR-Opposition hat Gauck niemals gehört. Er trat auch nicht in den systemkritischen Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen je in Erscheinung. In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden, taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf.
Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem ‘Neuen Forum’ angeschlossen. Vorher ist ein politischen Engagement gegen den repressiven Staat nicht auszumachen.‘
[Gerhard Rein]“

siehe auch: Joachim Gauck: Ein Bürgerrechtler oder gar Widerstandskämpfer?

Der DDR-Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Hans-Jochen Tschiche kritisiert massiv die Nominierung von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten und will nicht mehr schweigen: „Gauck ist die falsche Person“ auf Freitag.de

„Er ließ sich in München bei einer Preisverleihung mit den Geschwistern Scholl vergleichen und wurde noch nicht einmal schamrot. Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das Neue Forum in die Volkskammer.“
[…]
Gauck ist die falsche Person. Wir haben es „mit einem tönenden Erz und einer klingenden Schelle zu tun.“ Ich habe mich bisher gescheut, Joachim Gauck zu widersprechen. Nun will ich aber nicht mehr schweigen.“

Dr. Gerhard Rein, lange Jahre SWR-Korrespondent in der DDR, hat im Juli 2010 einen Offenen Brief (PDF) an Joachim Gauck anläßlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises und des Börne-Preises geschrieben (via www.havemann-gesellschaft.de)

„Lieber Joachim Gauck,
als Ihnen im November letzten Jahres in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen wurde, und Ihr Laudator Peter Schneider Sie als Widerstandskämpfer in der DDR und also in die Nähe des gefährlichen Widerstands der Geschwister Scholl rückte, da war ich doch ziemlich erschrocken und fragte mich, ob wir unsere wirklichen Helden mit solchen
Vergleichen nicht bedrohlich verramschen.
Als ich dann zwei Monate später hörte, Ihnen würde nun auch noch der Börne-Preis verliehen, habe ich Michael Naumann einen Brief geschrieben:
[…]
Sie polemisieren, wie Sie das ja schon bei Ihrer Dankesrede zum Börne-Preis getan haben, gegen Margot Käßmann. Sie können davon ausgehen, daß ich kein Käßmann-Fan bin und auch keiner mehr werde. Aber Käßmanns Satz: Nichts ist gut in Afghanistan, ist ein Epochen-
Satz, der bleiben wird. Nun lese ich „Natürlich kann man sagen, es sei nicht alles gut in Afghanistan. Aber wo ist denn schon alles gut? In Frankfurt hier? In Preungesheim?“ ( So das Zitat aus Ihrer Pfarrer-Tags-Rede). Sie vergleichen die Situation eines Krieges in Afghanistan mit sozialen Spannungen in Frankfurt und Preungesheim. Das ist intellektuell so dürftig ( aber ich will ja freundlich sein, also sagen wir), das ist intellektuell so übersichtlich, dass ich nur den Kopf schütteln kann.
[…]