Mit ‘Sarrazin’ getaggte Beiträge

In einem Interview vom 17.03.2012 spricht Albrecht Müller, Autor des Buches „Der falsche Präsident“, über die Defizite von Joachim Gauck und warum er ihn für ungeeignet hält, zum Bundespräsidenten gewählt zu werden. Er begründet dies u.a. an dem Freiheitsbegriff von Gauck: „Nachdenker warnt vor Gauck – Viele wissen nicht, was er denkt

„Er hat einen Freiheitbegriff, der die soziale Basis von Freiheit völlig außen vor lässt. Bei vielen Menschen hängt ihre Freiheit im Wesentlichen von ihren wirtschaftlichen Bedingungen ab. Eine alleinerziehende Frau im Niedriglohnsektor etwa muss so viele Jobs annehmen, dass sie überhaupt keine Freiheit mehr hat, irgendetwas anderes zu machen, als für die Familie zu sorgen.
[…]
Man kann einen Volksverhetzer nicht „mutig“ nennen. Es fühlen sich doch nur Leute ermuntert, die so denken wie Sarrazin.
[..]
Er redet ja von „Besitzstandswahrern“ oder von Leuten, die in der „Hängematte“ liegen. Das sind doch politische Aussagen. Ist es etwa unpolitisch zu sagen, er hätte im Libyen-Krieg mitgemacht?“

Was in einem Beitrag der SZ kurz, leider zu kurz, versucht wurde, „Was hat Gauck wirklich gesagt„, hat Anatol Stefanowitsch in einem dankenswert ausführlichen Posting mit ausreichend Zitaten und im viel beschworenen Kontext unter dem Titel „Der ‚böse Gauck‘ und das Netz“ hinsichtlich Sarrazin, Hartz-IV und Vorratsdatenspeicherung betrachtet:

„Er [Gauck] erscheint aber auch als Vertreter einer zutiefst konservativen Weltsicht, die sich fast ausschließlich aus den tatsächlichen oder von ihm narrativ konstruierten Leitmotiven seiner eigenen Biographie speist. Er ist deshalb bestenfalls in der Lage, die Herausforderungen der Gegenwart zu erkennen — ernsthafte Ansätze zu ihrer Lösung hat er an keiner Stelle anzubieten. Im Gegenteil.
[…] In beiden Fällen würde ich auch bei sorgfältiger Abwägung des Kontextes bei meiner negativen Einschätzung von Gaucks Eignung als Bundespräsident bleiben
[…]
Das Netz hat keineswegs einen „bösen Gauck“ erfunden. Es hat eher potenzielle Schattenseiten des sonst gerne als Lichtgestalt dargestellten Gauck aufgedeckt.“

Auf Publikative.org wird unter dem Titel „Voll im Kontext: Gauck und die Überfremdung“ auf die angeblich aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen von Joachim Gauck Bezug genommen und ein längerer Auszug aus einem Gespräch von Gauck mit dem schweizerischen NZZ-TV veröffentlicht:

„In dem Part des Gesprächs geht es um den Islam; Gauck schafft es gekonnt, über Sarrazin zur “Überfremdung” zu kommen, um dann auch noch sein Lieblingsthema, den Kommunismus, unterzubringen. Bemerkenswert dabei: Gauck zieht bei seinen Ausführungen über die Fremdheit des Islams in Europa eine Parallele zum politischen Systemkampf zwischen West und Ost vor dem Fall der Mauer. Was früher die Bedrohung durch die Bolschewisten war ist heute offenbar die Gefahr durch den Islam.“


VideoLink YouTube via fluxusxx

Die SZ veröffentlichte am 20.02.2012 einen Artikel unter dem Titel „Umstrittene Äußerungen über Occupy und Sarrazin – Was Gauck wirklich gesagt hat„, der leider viel indirekte Rede und Interpretation, aber wenig ausführliche, dafür viel verkürzte Zitate enthält. So dient der Artikel mehr einem (durchaus brauchbarem) Einstieg in die Diskussion als der intendierten Klarstellung.

Nicht zuletzt führt die Subsummierung der Gauck-Kritik und Gauck-Kritiker_innen in dem Beitrag von Kathrin Haimerl unter die angesprochenen Punkte und der ausgesuchten/ausgewählten Positionen zu Verkürzung und Reduktion, die andere Kritikpunkte ausschließt und die genannten einseitig deutet.

Mit einiger Sprachlosigkeit müssen wir nun also zur Kenntnis nehmen, daß uns der egomanische Selbstdarsteller Gauck als Oberlehrer vor die Nase gesetzt wird, der Banken-Kritik und Occupy unsäglich albern, dafür aber Sarrazin mutig findet.

tagesschau.de 20.02.2012: „Joachim Gauck wird der gemeinsame Kandidat von Union, FDP, SPD und Grünen bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten. Dies bestätigte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend in Berlin. […] Für Gauck habe sich der Weg von der Kirche in die Politik von fast alleine ergeben. Ihn zeichne aus, ein „wahrer Demokratielehrer“ geworden zu sein. […] Sein zentrales Thema sei die Idee von Freiheit und Verantwortung, das schätze sie ganz persönlich „bei aller Verschiedenheit“ mit Gauck.
[…]
SPD-Chef Sigmar Gabriel betonte: „Ende gut, alles gut.“ Die Kandidatur von Gauck sei ein gutes und wichtiges Signal an die Bevölkerung.
[…]
Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einem historischen Moment. Gauck sei jemand, der der Demokratie wieder Glanz verleihen könne. „Er ist ein Mann, und das schätzen wir sehr, der den Dialog liebt. (…) Er kann Worte zum Klingen bringen.“
[…]
Gauck war gerade mit dem Flugzeug aus Wien in Berlin gelandet, … . Am meisten bewege es ihn, dass ein Mensch, der noch im finsteren Weltkrieg geboren worden sei und 50 Jahre in einer Diktatur gelebt habe, an die Spitze des Staates gerufen werde.“

Über Kritik an Gauck lese ich nichts bei tagesschau.de, nur der Hinweis auf eine Umfrage von Infratest dimap für die ARD-Sendung Günther Jauch, nach der 49% der Bundesbürger Gauck für einen „geeigneten Kandidaten“ halten.