Mit ‘totalitarismus’ getaggte Beiträge

In seinem Kommentar Pathos statt Analyse in der taz vom 24.02.2012 beschreibt Micha Brumlik, wie sich Joachim Gauck zwar immer wieder auf Hannah Arendt bezieht, aber ihre wesentlichen Differenzierungen nicht teilt:

„Sowenig die Bundesrepublik ein faschistischer, so wenig war die DDR nach 1953, auf jeden Fall nach 1961, ein stalinistischer Staat. Gerade einer künftigen europäischen Gedenkkultur wegen ist es höchste Zeit, dass an die Stelle jedweden Pathos nüchterne Analyse tritt. Das lehrt Hannah Arendt.“

Bezugnehmend auf den Gauck-Jubel rechtsaußen, „Wir sind Präsident!“ von der „Jungen Freiheit“ (JF), und dem Ereifern seitens Jürgen Trittins bei Maybritt Illner über einen aus dem Kontext gerisenen Satz in einem Kommentar von Deniz Yücel in der TAZ, der im diffamierenden Vorwurf des „Schweinejournalismus“ gipfelte, schreibt Andrej Reisin am 24.02.2012 unter dem Titel „Noch mehr “Schweinejournalismus!”“ auf Publikative.org:

„Die Kritik an Gauck ist weder neu, noch kommt sie einzig aus dem scheinbar ominösen Internet – wie linksliberale Politiker von Rot bis Grün und gönnerhafte Zeitungskommentare von „Frankfurter Rundschau“ bis „Süddeutscher Zeitung“ derzeit gerne glauben machen wollen. Die Wahrheit ist: Die Kollegen und ihr politisches Spektrum sind verärgert, weil sie in ihrer Begeisterung für den Kandidaten Gauck dessen für ihre eigene Klientel teilweise hochgradig problematischen Positionierungen schlichtweg übersehen, verdrängt, vergessen haben.
Mit Schaum vor dem Mund wird daher nun zurückgebellt gegen die vermeintlichen Online-Dilettanten, die nicht richtig zitieren können und alles aus dem Kontext reißen, weil ihr Gehirn nur noch in Twitter-Textlängen denke.
[…]
Mit Gauck wird der politische Diskurs exakt im Sinne der Neuen Rechten verändert – ein fatales Signal für den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt in diesem Land. Tut, was Ihr nicht lassen könnt – aber rechnet nicht mit unserer Unterstützung!“

Und für den Kontext sei auch der Ausschnitt aus Maybrit Illner mit dem verbalen Ausfall von Jürgen Trittin hier verlinkt:

Videolink YouTube von maybritillner am 23.02.2012

Deniz Yücel beschreibt in der taz vom 22.02.2012 über die Debatte um Gauck-Zitate
unter dem Titel „Gauck und der Holocaust„, daß sich der vielgepriesene Kontext eben nicht nur auf die Sätze vor und nach einem Zitat bezieht, sondern

„Wer sagt was in welcher Form an welcher Stelle zu welchem Zweck zu welchen Leuten, die ihn wie verstehen können oder sollen? „

Nach einem ausführlichen Zitat von Jaochim Gauck zur angeblich quasireligiösen Überhöhung des Holocausts, problematisiert und kontextualisiert Yücel die Aussagen Gaucks:

„Aber indem er von einer „Überhöhung“ des Holocausts zu einem quasireligiösen Akt spricht, spricht er der Shoah die Singularität als ebenso wahnhaften wie systematischen Massenmord an Millionen Juden ab. Einfach ausgedrückt lautet sein Gedankengang: Ja, es gab den Holocaust, wir wollen ihn nicht vergessen, aber bitteschön nicht übertreiben und die Kirche im mecklenburgischen Dorf lassen.
[…]
All das macht Gauck noch nicht zum Antisemiten, und gewiss wird er keiner sein wollen. In der Sache aber betreibt er eine Verharmlosung des Holocausts.“

Unter dem Titel „Yes, we Gauck!?“ erinnerte Karl D. Bredthauer in einem Beitrag für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ bereits im Juli 2010 an ein Interview von Joachim Gauck mit Günter Gaus, in dem besonders die relativierende Geschichtsdeutung der „2 deutschen Diktaturen“ thematisiert wird:

“Joachim Gauck ist nicht irgendwer, kein Deus ex machina, kein unbeschriebenes Blatt. Als erster und prägender Chef der nach ihm salopp als „Gauck-Behörde“ bezeichneten mehrtausendköpfigen Bundesdienststelle wurde er zu einer Symbolfigur deutscher Geschichtspolitik. Er steht für eine „Vergangenheitsbewältigung“ spezifischer Prägung, sozusagen die vergangenheitspolitische Wende in Deutschland. Deren Zentrum bildet die Denkfigur von den „zwei Diktaturen“, welche die Bundesrepublik nach dem Untergang der DDR zu bewältigen habe. Die wie selbstverständlich daherkommende Formel hat es in sich. Inwiefern, das verdeutlicht in seltener Klarheit ein Gespräch, das „Blätter“-Mitherausgeber Günter Gaus 1991 im Rahmen seiner legendären „Porträt“-Serie mit dem damals gerade ein Jahr amtierenden „Bundesbeauftragten“ führte.
[…]
…wenn Gauck erklären möchte, warum die Verantwortlichen für „Leichenberge“ in seinen Augen nach 1945 schonender zu behandeln waren als 1989 ff. die Verantwortlichen für „Aktenberge“, wie sie „die zweite Diktatur“ ihren Nachlassverwaltern hinterließ. Hitler war, lässt der von Gaus Interviewte en passant einfließen, möglicherweise weniger schlimm als Stalin. …”

Unter dem Titel „Joachim Gaucks totalitäre Aufklärung“ macht Magda in ihrem Freitag-Blog 2010 einige Anmerkungen zu einem zu einem ausführlichen Interview von Joachim Gauck mit der NZZ im Mai 2010, „Es gibt ein richtiges Leben im falschen„.

„Vor allem aber ist Gauck ein anschaulicher Beweis dafür, dass die beiden Diktaturen nicht mit dem behaupteten gleichen Abstand betrachtet werden, sondern das ihre Gleichsetzung, der scheinbar objektive Umgang mit ihnen, immer eine merkwürdige Favorisierung und „Entschuldung“ der NS-Diktatur mit sich zu bringen scheint. So findet sich in Gaucks Parteinahme für ein deutsches Zentrum für Vertreibung auch der Satz von den Deutschen, die neurotisch auf der Größe ihrer Schuld beharren. Da hat er keinen Abstand, da ist er auch mehr für Vergessen.“ (Magda)